Baum-Rigolen: Wenn der Baumstandort Regenwasser aufnimmt

Stadtbäume leiden zunehmend unter Trockenheit, während Starkregen die Kanalisation überlastet. Baum-Rigolen sollen beide Probleme zusammen angehen: Sie leiten Regenwasser von Dächern, Gehwegen oder Straßen gezielt in den Baumstandort. Ein gemeinsames Regelwerk von FLL, DWA und FGSV ist in Arbeit, bisher fehlen jedoch einheitliche Regeln [1].

Prinzip und Bauweisen

Das Expertennetzwerk Baumrigolen der Zukunftsinitiative Klima.Werk schlägt eine offene Definition vor. Danach besteht eine Baumrigole aus vier verknüpften Elementen: Baum, Pflanzgrube mit Wurzelraum, Bewässerungsspeicher und Versickerungsanlage [1]. Die HCU Hamburg unterscheidet hydrologisch optimierte Baumstandorte sowie Baumrigolen ohne und mit Speicherelement [2]. Ein Ingenieurbüro nennt außerdem Baummulden, Tiefbeete mit Bäumen sowie offene und überbaute Baumrigolen als Varianten [3].

Das Wasser fließt oberirdisch über abgesenkte Borde, Rinnen oder Mulden zu oder unterirdisch über verlängerte Fallrohre und Einläufe [4]. In den Hamburger Pilotanlagen liegt unter der Pflanzgrube ein abgedichteter Speicher von rund 1.000 Litern. Ein Pufferschacht und ein Notüberlauf führen Überschüsse ab [5].

Davon zu unterscheiden ist das Stockholmer Modell. Es setzt auf einen tragfähigen Strukturboden aus grobem Schotter, dessen Hohlräume mit Substrat und Zuschlägen wie Pflanzenkohle gefüllt sind. Das soll Verdichtung verhindern und den Gasaustausch an den Wurzeln ermöglichen. Als begrenzende Faktoren nennt sein Urheber Björn Embrén dann vor allem die Wassermenge und die Belastung durch Gase oder Salz [6]. In Österreich und der Schweiz ist dieses Prinzip unter dem Begriff Schwammstadt verbreitet [7].

Was die Messungen zeigen

An der Hölertwiete in Hamburg-Harburg gelangten weniger als zehn Prozent des Dachabflusses in den Kanal. Ein Überlauf trat an 47 von 859 Tagen auf. Der Wurzelraum stand nie unter Staunässe, und der Speicher leerte sich innerhalb von ein bis zwei Wochen. Die Vitalitätswerte unterschieden sich 2021 nicht signifikant von denen der Referenzbäume. In tieferen Schichten trat dennoch zeitweise Trockenstress auf. Der Sauerstoffgehalt sank in Rigolen- wie Referenzgruben zeitweise unter die Grenze für uneingeschränkte Wurzelaktivität [7]. Die Autoren werten die Ergebnisse ausdrücklich als vorläufig, weil die Wurzelsysteme noch wachsen [7].

Risiken für den Baum

  • Staunässe: Laut DWA gefährden belastetes Wasser und zu langer Einstau im Wurzelraum die Vitalität der Bäume [8]. In Hamburg soll eine seitliche Versickerung überschüssiges Wasser ableiten und so Staunässe verhindern [2].
  • Streusalz und Schadstoffe: Ob ein belebter Boden Tausalz puffern kann, ist ungeklärt. In einem Fachworkshop wurde zudem diskutiert, dass Salze in Trockenphasen aus tieferen Schichten wieder aufsteigen können [9]. In Hamburg wird Straßenabfluss unter anderem auf Schwermetalle, PAK und Chlorid beprobt [10]. Empfohlen wird, belastetes Wasser vor dem Speicher vorzubehandeln, etwa über belebte Bodenzonen, Absetzeinrichtungen oder Filterschächte [1].
  • Wurzelraum und Leitungen: Leitungskonflikte und Abstandsvorgaben schränken die Standortwahl ein. Zu Gebäuden nennt die Koblenzer Praxishilfe mindestens das 1,5-Fache der Baumgrubentiefe als Abstand [4].
  • Betrieb: Zuläufe können verstopfen und müssen kontrolliert werden. Die Bauüberwachung muss Verdichtung verhindern und die Abdichtung sichern. Ob eine Anlage funktioniert, zeigt sich oft erst nach fünf bis zehn Jahren [4].

Praxisbeispiele

  • Hamburg: Das Projekt BlueGreenStreets unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Dickhaut (HCU) hat Pilotstandorte in Harburg (Hölertwiete, Alter Postweg/Wöllmerstraße) und Bergedorf [2][11]. In der Folgephase BlueGreenStreets 2.0 (2022–2024) wurde die Toolbox in Lübeck und Potsdam angewendet [12].
  • Berlin: Retzowstraße in Steglitz-Zehlendorf, außerdem unter anderem Rummelsburger Bucht und Buckower Felder [2][3].
  • Leipzig: Kasseler Straße [3].
  • Weitere Städte: unter anderem Neuenhagen, Bochum, Heidelberg, München und Darmstadt [3].

Bestehende Regeln

Das Arbeitsblatt DWA-A 138-1 (Oktober 2024) regelt Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen in Siedlungsgebieten [13]. Ein Fachvortrag zum Entwurf von 2021 hielt fest, dass dessen Abstandshinweise Sonderlösungen wie Baumrigolen nicht behindern sollen. Derselbe Vortrag beschreibt die FLL-Empfehlungen zu Versickerungsanlagen so, dass Bäume in Mulden als gleichwertige Variante gelten [14]. Beim Substrat orientiert sich die Hamburger Praxis an der FLL-Pflanzgrubenbauweise Typ II [2]. Für die Planung verweist die Koblenzer Praxishilfe auf die BlueGreenStreets-Toolbox [4].

Was das neue Regelwerk regeln soll

Der FLL-Regelwerksausschuss „Baumstandorte und Regenwasserbewirtschaftung“ wird von Dr. Markus Streckenbach und Prof. Dr. Wolfgang Dickhaut geleitet. Im März 2026 tagte er an der HCU Hamburg. Beraten wurden Grundlagen zum Baum, Anforderungen an Baumstandorte, die wasserwirtschaftliche Bemessung und Bauweisen für Baum-Rigolen [15]. Das Werk soll Stadtgrün, Wasserwirtschaft sowie Straßen- und Tiefbau zusammenführen. Es soll Niederschlagswasser für Bäume nutzbar machen, Bäume vor Umwelteinflüssen schützen und den knappen Raum für blau-grün-graue Infrastruktur optimal nutzen [15].

Das Werk soll wortgleich bei FLL, DWA (als Merkblatt DWA-M 163) und FGSV erscheinen, federführend ist die FLL [8]. Zu den Zielgruppen zählen ausdrücklich auch Baumpflegebetriebe und Sachverständige [8]. Ein Erscheinungstermin ist nicht genannt. Für 2026 sind weitere Sitzungen geplant [15].

Quellen

[1] Walther, H. et al. (2025): Baumrigole!? – ein Definitionsversuch. Aqua Urbanica 2025. tugraz.at
[2] Dickhaut, W. (2022): BlueGreenStreets als multicodierte Strategie zur Klimafolgenanpassung, Vortrag Zentrum KlimaAnpassung, 01.12.2022. zentrum-klimaanpassung.de
[3] Pallasch, M.; Neidhart, N.; Sieker, H.: Baumrigolen – Ein Beitrag zur klimaresilienten Schwammstadt (Poster, UBA). umweltbundesamt.de
[4] Stadt Koblenz (2025): Praxishilfe klimaresilienter Stadt- und Verkehrsraum, Maßnahme 5.2 i Baumrigole. koblenz.de
[5] Richter, M. (2023): Straßenbäume als Schwammstadtelemente, Präsentation, 10.10.2023. tugraz.at
[6] Interreg Europe (2023): Planting trees the right way. interregeurope.eu
[7] Richter, M.; Dickhaut, W. (2023): Straßenbäume als Schwammstadtelemente. repos.hcu-hamburg.de
[8] DWA (2024): Vorhabensbeschreibung Merkblatt DWA-M 163 „Baumstandorte und Regenwasserbewirtschaftung“, KA 9/2024. dwa.de
[9] BlueGreenStreets: Baumrigolen-Workshop, Podiumsdiskussion Hinweisdokumente & Richtlinien. hcu-hamburg.de
[10] BlueGreenStreets/HCU/bgmr: Stoffeinträge in Baumrigolen – Monitoringsysteme. hcu-hamburg.de
[11] HCU Hamburg (2019): Pressemitteilung BlueGreenStreets, idw. idw-online.de
[12] HCU Hamburg: Flyer BlueGreenStreets 2.0. hcu-hamburg.de
[13] DWA (2024): Arbeitsblatt DWA-A 138-1, Leseprobe. shop.dwa.de
[14] Kaiser, M. (2021): Auslegung der Richtlinien – Änderungsnotwendigkeiten, BGS-Workshop 10.06.2021. hcu-hamburg.de
[15] FLL (2026): Regelwerksausschuss Baumstandorte und Regenwasserbewirtschaftung tagte in Hamburg, 20.03.2026. fll.de

Beitragsbild: Foto: Matthew Larsen / Unsplash