Der Jahrestrieb verrät, wie Bäume die Dürre verkraften

Wie stark leidet ein Baum unter Trockenheit? Statt Bohrkerne zu ziehen oder die Krone nach Augenmaß einzuschätzen, kann man einfach nachmessen, wie lang die Jahrestriebe sind. Ein Team der TU Dresden um Ming Liu und Prof. Dr. Andreas Roloff hat so untersucht, wie Laubbäume auf die Dürrejahre 2018 bis 2020 reagiert haben – und empfiehlt die Methode als einfach, schnell und aussagekräftig.

Warum gerade der Jahrestrieb

Jedes Jahr schiebt ein Baum an seinen Triebspitzen einen neuen Abschnitt nach. Wo der Austrieb begann, bleibt eine Knospenschuppennarbe zurück, die noch nach vielen Jahren zu erkennen ist, solange sie nicht vom Dickenwachstum überdeckt wird. So lässt sich das Längenwachstum mehrerer Jahre rückwirkend ablesen. Andere Verfahren haben Nachteile: Bohrkerne aus dem Stamm können den Baum verletzen, Messungen der Chlorophyllfluoreszenz zeigen nur den aktuellen Zustand, und visuelle Vitalitätsansprachen hängen stark von Erfahrung und Urteil der Bearbeiter ab.

So wurde gemessen

Die Messungen fanden in den Winterhalbjahren 2020 und 2021 im Norden Sachsens und an der Südgrenze Brandenburgs statt, an Bäumen verschiedener Arten, Altersstufen und Standorte, darunter auch Alleebäume. Verglichen wurde das Triebwachstum der feuchteren Jahre 2015 bis 2017 mit dem der Dürrejahre 2018 bis 2020. Daraus berechneten die Autoren einen standardisierten Wert für die relative Zunahme der Trieblänge.

Die Ergebnisse

  • Junge Bäume trifft es am stärksten: Bei den meisten sehr jungen Bäumen unter zehn Jahren wurden die Jahrestriebe in den Dürrejahren deutlich kürzer. Ältere Jungbäume zwischen elf und mehr als 16 Jahren wuchsen dagegen recht gleichmäßig weiter.
  • Einzelne Arten fallen auf: Bei Feldahorn, Eschenahorn, Hainbuche und Eberesche nahm der Anteil sehr kurzer und kurzer Triebe 2019 und 2020 zu. Robinie und Holländische Linde gehörten unter den mittelalten Jungbäumen zu den wüchsigsten.
  • Holzbau und Wasserhaushalt zählen: Ringporige Arten, die ihre Spaltöffnungen bei Trockenheit länger offen halten („Wasserverschwender“), wuchsen tendenziell besser weiter und erwiesen sich als trockenheitstoleranter als zerstreutporige Arten, die früh schließen und Wasser sparen.
  • Ein Laborwert reicht nicht: Die Wuchsleistung hing nicht mit dem Turgorverlustpunkt der Blätter zusammen, einem gängigen physiologischen Maß für Trockenresistenz. Um die Trockentoleranz einer Art einzuschätzen, sollten deshalb auch Wuchsleistung, Altersphase und Kleinstandort berücksichtigt werden.

Was das für die Praxis heißt

Wie ein Baum auf Trockenheit reagiert, hängt von vielen Faktoren gleichzeitig ab: Art, Alter, Holzbau, Wasserstrategie, Kleinstandort, Veredlung und Konkurrenz. Alleebäume standen nach den Ergebnissen unter zusätzlichem Wasserstress, Jungbäume im Bestand konkurrierten um Licht und Nährstoffe. Für die Baumkontrolle und die Bewertung von Jungpflanzungen liefert die Studie ein Werkzeug, das ohne Geräte auskommt: Wer die Jahrestriebe der letzten Jahre misst, sieht schwarz auf weiß, ob ein Baum nachlässt.

Welche Baumarten die Dürrejahre an der Straße gut überstanden haben, zeigt der Beitrag Welche Bäume die Dürre in der Stadt aushalten.

Quelle: Liu, M., Pietzarka, U., Meyer, M., Kniesel, B. & Roloff, A. (2022): Annual shoot length of temperate broadleaf species responses to drought. Urban Forestry & Urban Greening, 127592. doi.org/10.1016/j.ufug.2022.127592

Prof. Dr. Andreas Roloff ist Baumbiologe an der Professur für Forstbotanik der TU Dresden.

Beitragsbild: Foto: Gennady Zakharin / Unsplash